Wenn ein Pastor über Sex predigen würde…

Wer mich kennt, der weiß, dass ich – auch als Pastor – kein Blatt vor dem Mund nehme. Trotzdem noch einmal die allgemeine Wahrung: In diesem Blogbeitrag wird es schonungslos zu Sache gehen! Frei nach dem Motto, womit die Bibel kein Problem hat, habe ich auch keins und was sie anspricht werde ich auch in den Mund nehmen.

Vieleicht fragst Du Dich jetzt bereits “Momentmal! Die Bibel und Sexualität, das passt ja nun mal so gar nicht, oder?” – Du wirst Dich wundern! Und ich, ich ärgere mich ein wenig über diese Außenwahrnehmung von uns Christen, denn ich denke, dass Sexualität, Kirche und Bibel sehr wohl sehr gut zusammenpassen und wir als Christen hier einen wunderbaren Schatz in den Händen halten! Statt von Sexualität als Schatz zu sprechen, wagen viele Christen leider nur über dieses Thema zu flüstern und zu tuscheln, für manche ist es fast ein fleischliches Übel! Das – so viel vorweg – ist absolut unbiblischer Unfug!

„Let`s talk abaut SEX“ war ein Songtitel von einer HipHop Band, die sich damit über Wochen in den Charts halten konnte. Die ganze Welt spricht heute ohne jede Hemmung über das Thema Sexualität! In den Familien, in den Freundeskreisen, in den Schulen, am Arbeitsplatz, in den Medien… Aber Sexualität und Kirche?

SEX ist SEHR GUT

Noch mal ganz kurz die Wahrung: Ich werde sehr tabulos über dieses Thema schreiben, wenn Du damit nicht umgehen kannst, dann verkneife Dir besser das lesen.

Dann sprach Gott: »Nun wollen wir Menschen machen, ein Abbild von uns, das uns ähnlich ist […].« So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und als Frau. Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die ganze Erde und nehmt sie in Besitz! […].« So geschah es.   Und Gott sah alles an, was er geschaffen hatte, und sah: Es war alles sehr gut. (1. Mose 1,26-31)

Das Provoziert den einen oder anderen ja schon: Gott schuf den Menschen und sagte es ist sehr gut! Nein, mehr noch: Gott schuf den Menschen unterschiedlich, als Mann und Frau und sagte es sei sehr gut! Das bedeutet er schuf sie als geschlechtliche Wesen… und sagte es sei sehr gut! Nein, Gott setzt noch eins oben drauf: Er schuf sie nicht nur als geschlechtliche Wesen, sondern gibt den Menschen sogar den Auftrag sich durch Sex zu vermehren… und sagt dann immer noch: Es ist sehr gut!

Wusstest Du, dass das Hohelied im Judentum nur von Erwachsenen gelesen werden durfte? Zu ‚eindeutig‘ war die Sprache – nix für Kinderohren…

Sexualität ist ein Teil unserer Schöpfung und die Bibel nennt es: Sehr gut und ein Geschenk, das wir als Menschen genießen sollen! In den Sprüchen lehrt ein Vater seinen Sohn folgendes:

Dein Born sei gesegnet, und freue dich der Frau deiner Jugend […]. Lass dich von ihrer Anmut allezeit sättigen und ergötze dich allewege an ihrer Liebe. (LU; Sprüche 5,18f)

Vieles an diesem Text verstehen wir nicht so richtig, da wir nicht die jüdisch/erotische Bildsprache kennen. Born oder Brunnen ist eine romantische Umschreibung von den Genitalien einer Frau. Was für ein biblischer Segen oder? Man stelle sich vor der Pfarrer bei einer Hochzeit würde das Brautpaar mit diesem Bibelvers segnen, die Hand segnend auf den Kopf der Braut legen und sagen: „Ich segne Deine Genitalien.“ Und sich dann zum Bräutigam wenden und ihm raten: „Genieße alles an deiner Braut!“

Was Luther hier mit „ihrer Anmut“ übersetzt ist wiederum der Bildsprache seiner Zeit geschuldet, den im biblischen Grundtext steht hier das Wort „Brüste“! Es gibt einige moderne Bibelübersetzungen, die diesen Vers endsprechend Wortgetreu wiedergeben:

[…] Ihre Brüste sollen dich allezeit berauschen, ihre Liebe soll dich stets in Bann ziehen. (NL; Sprüche 5,18f)

Sexualität, die Freude an den anderen wird hier treffender Weise, als ein Bann/Rausch beschrieben den man(n) – und Frau auch – sich “allezeit” aussetzen soll.

Genieße jeden Tag mit der Frau, die du liebst, solange das Leben dauert, das Gott dir unter der Sonne geschenkt hat […]. Denn das ist der Lohn für die Mühsal und Plage, die du hast unter der Sonne. (Prediger 9,9)

Im Alten Testament war es sogar so, dass ein Jungverheirateter für ein Jahr vom Kriegsdienst selbst im Kriegsnotfall entbunden bleibt um den partnerschaftlichen Sex des jungen Liebespaares genießen zu können (Dtn 24,5). Sprich, hier gibt es selbst im Kriegsfall, einer absoluten Notsituation, das Recht auf den Genuss von dem göttlichen Geschenk der Sexualität! Aber nicht nur der Mann hatte hier ein biblisches Recht auf Sex, nein, auch die Frau hat ein Recht auf Sex! Kein Sex zu bekommen war ein Scheidungsgrund, den eine Frau einklagen konnte (Ex 21,10).

Auch im Neuen Testament wird fast schon dazu ermahnt sich als Paare nicht zu lange sexuell von einander zu entfernen, gleichzeitig wird hier eine absolut gleichberechtigte Sexualität beschrieben in der beide auf ihre Kosten kommen:

Die Frau verfügt nicht über ihren Körper, sondern der Mann; ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Körper, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht – höchstens wenn ihr euch einig werdet, eine Zeit lang auf den ehelichen Verkehr zu verzichten, um euch dem Gebet zu widmen. Aber danach sollt ihr wieder zusammenkommen[…]. (1Kor 7,4-5)

Sexualität in einer Partnerschaft ist sehr gut! Was ist uns hier als Kirche für ein Schatz anvertraut worden? Warum sind wir als Fromme nur dafür bekannt, wogegen wir, aber nicht wofür wir sind? Warum werden wir als Spielverderber und nicht als Förderer einer gesunden und berauschenden, gleichberechtigten, mündigen Sexualität wahrgenommen?

Sexualität als Beispiel für die Gottes­beziehung!

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn. (1Mo 4,1-2)

Die Bibel hat viel bildliche Sprache um den Geschlechtsakt zu beschreiben: “ein Fleisch werden” ist eines davon, ein anderes das Wort “erkennen“. Aber hier – und das wird dem einen oder anderen vielleicht weh tun – das Wort “erkennen“, das in der Bibel ein Synonym für den Beischlaf ist, gebraucht Gott (ohne rot zu werden) um über das Verhältnis zwischen ihm und uns zu sprechen.

Ich gebe ihnen ein verständiges Herz, damit sie mich erkennen und begreifen, dass ich der Herr bin. Mit ganzem Herzen werden sie zu mir umkehren. Sie werden mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein. (Jer24,7)

Es gibt eine Vielzahl an Bibelstellen die Sexualität zwischen Mann und Frau mit der Beziehung von uns Menschen zu Gott beispielhaft gebrauchen. Im Propheten Hesekiel beschreibt Gott einmal seine Braut (das sind wir Menschen die ihm Nachfolgen), als eine junge hübsche Frau:

Du blühtest auf und wurdest zu einer schönen Frau voller Anmut. Deine Brüste wuchsen, dein Haar war voll und schön. Aber immer noch warst du völlig nackt. (Hes16,7)

Gott beschreibt die Brüste seiner Braut – ist das nicht faszinierend und ein herrlich natürlicher Umgang mit unserer Leiblichkeit? Hier ist keine Spur von Tabus, verkrampften Umschreibungen, einer Leibfeindlichkeit usw. Gott beschreibt ganz nüchtern seine nackte, schöne Braut!

Sexualität ist eine Bezieh­ungs­sache

Sexualität ist ein Geschenk von Gott an Mann und Frau für ihre Partnerschaft. Dieser Rahmen ist der von Gott gesetzte Bund in dem wir Sexualität genießen dürfen.

Haltet die Ehe in Ehren und bleibt einander treu! (Hebr 13,4)

Autofahren ist auch nichts schlimmes, sondern was Schönes, trotzdem braucht es dafür einen Führerschein. Tatsächlich konnte ich schon vor dem Führerschein Auto fahren, mein Vater hatte es mir beigebracht. Nun verlangt der Gesetzgeber aber einen Schein der mir Bestätigt Autofahren zu können. Das macht er nicht aus sadistischen, sondern aus verantwortlichen, fürsorglichen Gründen: Autofahren kann auch etwas sehr verletzendes sein und zu dem einen oder anderen Unfall führen.

So ist es auch im Bereich der Sexualität. Auch hier besteht die Gefahr für Unfälle und schreckliche Verletzungen. Nein, nicht nur körperliche, sondern auch seelische. Die Bibel geht sogar noch weiter und sagt, das Sexualität nicht nur etwas seelisch und körperliches ist, sondern auch etwas geistliches.

Das Neue Testament sagt zum Thema Sexualität:

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. (1.Kor6,12)

Im weiteren Textverlauf beschreibt die Bibel was sie mit “… aber es soll mich nichts gefangen nehmen..” meint: Sexualität außerhalb der ehelichen Gemeinschaft. Und das macht auch Sinn, den Sexualität wirkt auf allen Bereichen unserer Existenz Körperlich, Seelisch und Geistlich, nur an einen bestimmten, gewählten Parther sollen wir uns in dieser Art binden.

Tabuloser Rausch und Extase

Auf die Spitze der erotischen Sprache treibt es das Buch Hohelied. Mancher frommer hat versucht dieses Buch komplett zu vergesslichen, aber Leute – auch wenn es zweifellos eine solche Dimension des Buches gibt – machen wir uns nix vor: Hier geht es vor allem um SEX!

Sexualität darf und soll laut Bibel mit allen Sinnen genossen werden. Frischverheiratete Ehepaare wurde sogar ein Jahr vom Kriegsdienst befreit und sollte ‚ein Jahr lang Hochzeitsnacht‘ feiern können.

Franz Rosenzweig bringt es auf dem Punkt:

Nicht obwohl, sondern weil das Hohe Lied ein ‚echtes‘, will sagen: ein ‚weltliches‘ Liebeslied war, gerade darum war es ein echtes ‚geistliches‘ Lied der Liebe Gottes zum Menschen. Der Mensch liebt, weil und wie Gott liebt. Seine menschliche Seele ist die von Gott erweckte und geliebte Seele.“[1]

Im Judentum ist es sogar bis heute üblich dieses Buch nur erwachsene Lesen zu lassen! Zu eindeutig Zweideutig ist die erotische Sprache des Buches. Immer wieder ist hier vom כרם „Weinberg“ oder auch vom גן „Garten“ die Rede, in den der junge Mann „eingehen“ (בוא) soll / will – eine blumige Umschreibung vom Geschlechtsverkehr, wobei der “Garten” die weiblichen Genitalien beschreibt. Auch in der deutschen Sprache kennen wir den Spruch “Nur die Harten kommen in den Garten”, der selbe Anspielungen gebraucht.

In Hhld 4,1-7; 6,4-7; 7,1-8 wird die Geliebte in allen erotisch relevanten Details – von den Haaren über die Brüste bis hin zum Venushügel (4,6) bzw. zur Vagina (7,2) – vorgestellt und 5,10-16 ist dem Geliebten gewidmet, an dem alles begehrenswert ist (5,16).

Einige Exegeten – und ich halte das durchaus für schlüssig – meinen auch die Anspielung vom Oralverkehr zB. in den folgenden Bibelstellen zu lesen:

Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß. (2,3)

Ich wollte dich führen und in meiner Mutter Haus bringen, in die Kammer derer, die mich gebar. Da wollte ich dich tränken mit gewürztem Wein und mit dem Most meiner Granatäpfel. Seine Linke liegt unter meinem Haupt, und seine Rechte herzt mich. (8,2f)

Markus 7,14. heißt es, dass es nichts unreines am Körper gibt! Das ist ein Grundsatz, der auch in der Sexualität gilt. Es gibt keine Körperstellen die nicht auch mit dem Prädikat SEHR GUT ausgezeichnet worden wären, wir dürfen hier unseren Partner mit Haut und Haaren lieben und genießen.

Überhaupt – und spätestens jetzt verliere ich alle allzu Frommen Überflieger – die Bibel hat so gar kein Problem Dinge beim Namen zu nennen, warum sollten wir uns dann damit so schwer tun?

In Hesekiel 23,20 wird zB. die Größe vom einem männlichen Geschlechtsteil angerissen und das sogar mit sehr deutlichen Worten! Der Text verurteilt die Frau zwar, aber das nur, weil sie den Verkehr außerhalb der Ehe suchte, die Sprache ist trotzdem der Hammer und zeigt wie unverkrampft die Bibel selbst Dinge beim Namen nennt. Luther übersetzt zwar sehr zahm und Mehrdeutig “[…] deren Brunst war wie die der Esel und der Hengste.” Aber das ist im Grunde eine zensierte Fassung des Textes, am besten übersetzt es folgende neuere Bibelübersetzung, hier heißt es von jener Frau:

Sie […] bekam Sehnsucht nach […] den Männern, deren Glied so groß wird wie das eines Esels und deren Samenerguss so mächtig ist wie der eines Hengstes. Sie wollte es wieder mit ihnen treiben […]“. (GNÜ)

… heftig oder? Aber eines ist spätestens jetzt klar geworden! Die Bibel hat kein Problem Dinge beim Namen zu nennen und ist was das Thema Sexualität angeht sehr unverkrampft und natürlich – sollten wir als Christen da nicht einen ähnlichen Umgang entwickeln?

Vorsicht, freche Füchse!

Ach, fangt uns doch die Füchse, die frechen, kleinen Füchse! Sie wühlen nur im Weinberg, wenn unsre Reben blühn.”(Hohelied 2,15)

Schon die Liebenden im Hohelied wussten, dass es Dinge gibt, die ihrer Liebe gefährlich werden. So, wie Füchse einen Weinberg durchwühlen und die Reben gefährden, können andere Menschen versuchen, in eine Ehe einzudringen. Oder ein Partner bricht aus der Ehe aus, weil er sich nicht mehr geliebt fühlt. Wenn es in einer Beziehung kriselt, kann es schnell passieren, dass eine andere Frau attraktiver wirkt als die Ehefrau, ein anderer Mann anziehender als der eigene Partner usw.

Genau wie das Thema Hygiene in der Sexualität eine wichtige Rolle spielt, so spielt sie auch in dem Rahmen der Beziehung eine Rolle. Hier gilt nicht: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold, sondern Schweigen ist Mist, Reden ist Alles! Redet über Probleme, Sehnsüchte usw. und treibt die Füchse aus eurer Beziehung, nur so kann auch Sexualität genossen und weiter ausgebaut werden.

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Autor: Samuel Diekmann, Redner bei rent-a-pastor.com 


[1] Stern der Erlösung. Frankfurt am Main 1988, Seite 222

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